Du kennst Vero noch nicht?

Keine Werbung – Kein Algorithmus – Keine Sammlung und Auswertung von persönlichen Daten – verspricht das wie aus dem Nichts gekommene soziale Netzwerk Vero, welches seit einigen Tagen für große Aufruhr sorgt. Doch wirklich neu ist die offensichtlich sehr im Trend liegende App nicht, denn sie ist bereits seit 2015 auf dem Mark. Bereits vor einem Jahr rührten prominente Personen aus der Filmwelt und Popkultur die Werbetrommel für Vero und teilten ersten hochwertigen Content auf der Plattform. Gut möglich, dass der Versuch nicht ausgereicht hat, um Vero als soziales Netzwerk zu etablieren. Spekulationen zur Folge soll der plötzliche Hype durch verstecke Influencer-Kampagnen bedingt sein. Die Verwendung des Hashtags #vero erzielte auf Instagram zwischen dem  20. und 25. Februar eine Brutto-Reichweite von 70,7 Millionen. Gezählt wurden hierbei lediglich Profile mit mindestens 15.000 Followern und Posts, die tatsächlich mit dem Namen der App gekennzeichnet wurden. Da sich mittlerweile immer mehr Meinungsmacher über den von Instagram neu eingeführten Algorithmus beschweren, scheint Vero eine wie gerufene Alternative zu sein. Dass sich viele Influencer einen Account bei Vero zugelegt haben, konnte in den vergangenen Tagen besonders bei Instagram beobachtet werden. Oftmals Grund genug für die Follower, sich ein Konto anzulegen und nicht in der Angst zu leben, etwas zu verpassen. Vero ist auch darum so attraktiv, weil sich noch keine großen Player auf der neuen Plattform etablieren konnten. Für Newcomer ein wohl gefundenes Fressen, sich eine Community aufzubauen und sich das (vielleicht noch versteckte) Potential der Plattform zunutze zu machen.

Das ist Vero

Die Macher von Vero sind der Überzeugung, dass die Interessen der sozialen Netzwerke und die der Nutzer aus dem Gleichgewicht geraten sind. Schwer definierbare Algorithmen bestimmen, was für Inhalte einem zugespielt oder vorenthalten werden. Vero ist lateinisch und bedeutet Wahrheit. Der App-Anbieter möchte, getreu seinem Slogan „True Social“, ein Netzwerk sein, bei dem das Teilen von Details aus dem eigenen Leben noch realer gemacht wird, als bei schon bekannten Netzwerken. Die Beiträge werden chronologisch angezeigt, wie es vorerst auch bei Instagram und Twitter der Fall war. Der Ansatz scheint gut anzukommen. Das Interesse an Vero macht sich an den rapide wachsenden Nutzerzahlen und überlasteten Servern bemerkbar. Angeblich soll die App in den letzten 30 Tagen weltweit 1,7 Millionen Mal heruntergeladen worden sein. Anfangs hieß es, Vero sei für die ersten 1 Millionen Nutzer kostenfrei. In einem offenem Statement wurde verkündet, dass das Angebot bis auf weiteres verlängert wird. Grundsätzlich will sich der Anbieter zukünftig mit einer jährlichen niedrigen Gebühr finanzieren, um die Plattform werbefrei zu halten. Eine weitere Einnahmequelle soll desweiteren auch der „Entdecken“-Button werden, bei dem Produkte angeboten und gekauft werden können. Zudem heißt es, Vero verzichtet auf aggressive Datenerfassungstechniken, um personalisierte Werbung zu vermeiden. Das bedeutet auch, dass Privatpersonen oder Unternehmen keine Möglichkeit haben, die Reichweite ihrer Beiträge durch zusätzliche Zahlungen zu erhöhen.

So funktioniert Vero

Grundsätzlich funktioniert Vero ähnlich, wie Facebook oder Instagram. Nutzer legen sich ein Profil an, können sich untereinander vernetzen und verschiedene Inhalte teilen. Anmelden muss man sich mit seiner Handynummer, erste Kontakte findet die App im Telefonbuch des jeweiligen Smartphones oder werden vorgeschlagen. Diese können in verschiedene Kategorien (Bekannte, Freunde, enge Freunde ) unterteilt werden. Hierdurch kann man beim Veröffentlichen seines Contents später dann ganz einfach steuern, wer was zu sehen bekommen soll. Zwar gibt es keine Möglichkeit für simple Text-Posts, dennoch kann ein persönlicher Austausch mit den Kontakten im Chat stattfinden. Neben Bildern und Videos (die mit Filtern, wie bei Instagram bearbeitet werden können), können Links geteilt, Sounds, Filme und Serien, Bücher und Orte empfohlen oder nicht empfohlen oder als „möchte ich noch sehen/lesen“ markiert werden. Letzteres ist zwar auch bei Facebook durch die Sticker im „Was machst du grade?“-Bereich möglich, jedoch ist die Mutter aller sozialen Netzwerke schon lange nicht mehr so gefragt, wie es einmal war. Vero ist neu, frisch und vielleicht genau deshalb so aufregend. Die geposteten Inhalte werden zum einen im allgemeinen Newsfeed ungefiltert und nach Veröffentlichung angezeigt und zudem in den „Collections“ in die unterschiedlichen Content-Kategorien (Bilder, Videos, Links, Musik, Filme/Serien, Bücher, Orte) gesammelt.

Wer steckt hinter Vero?

Während die Gründer der Konkurrenz meistens junge Amerikaner sind, handelt es sich bei Vero um einen eher untypischen Erfinder. Ausgedacht haben soll sich das Konzept der mit Frau und Kind in Saudi-Arabien lebender libanesische Milliardär Ayman Hariri. Er ist Sohn von Rafiq al-Hariri, dem zweimaligen Ministerpresidenten des Libanons, der 2005 bei einem Anschlag ums Leben gekommen ist, hat Millionen geerbt und laut Forbes ein Vermögen von über einer Milliarde US-Dollar im Besitzt. Hariri war unter anderem stellvertrender Geschäftsführer der größten saudi-arabischen Baufirma Saudi Oger, welche aufgrund von wegen massiv schlechter Arbeitsbedingungen und Lohnentzug kritisiert worden war.

Wie geht es weiter mit Vero?

Ob das brandaktuelle durch mögliche Influencer-Marketing Maßnahmen getätigte soziale Netzwerk langfristig vom Hype profitieren kann, ist allerdings fragwürdig. So schnell wie der Hype gekommen ist, scheint er allem Anschein nach auch wieder zu verschwinden. Eine Backlash-Kampagne, die unter anderem die AGBs, den zähen Abmeldeprozess und vor allem auch die kuriose Vergangenheit des Gründers kritisiert, hat bereits schon seinen Lauf genommen. Zudem scheinen sich die Macher auf ihren wohl selbst inszenierten Hype technisch nicht ausreichend vorbereitet zu haben, denn die App ist immer wieder überlastet und reagiert viel zu langsam. Für die Zukunft von Vero lässt sich aktuell schwer eine Aussage treffen. Die Neugierde der User ist zum jetzigen Zeitpunkt wohl ein großes Sprungbrett, welches Vero, neben den mutmaßlichen Hilfsmitteln, zum rapiden Aufschwung verschaffen hat. Fakt ist, dass Vero mit dem Konzept einige Bugs anderer kritisierter Anbieter ausgleicht, nach Erfolg strebenden Newcomern eine Möglichkeit gibt, sich auszuprobieren und aufgrund seiner Ablehnung zu Werbemaßnahmen und Datensammlung auf den ersten Blick ziemlich attraktiv anhört. Dennoch stehen all diese vermeintlichen Vorteile den Anmerkungen der Befürwortern der Backflash-Kampagne gegenüber. Wir bleiben die nächste Zeit weiterhin stille Beobachter und behalten Vero im Auge.