Wie sinnvoll ist es für Unternehmen Corporate Influencer einzustellen und auszubilden?

Wie viel wiegt die Meinung eines Social Media Stars, der zum Angestellten eines Unternehmens wird und daher natürlich nur noch in höchsten Tönen davon schwärmt? Würde die Information über das Beschäftigungsverhältnis die Glaubwürdigkeit vielleicht im gleichen oder sogar im größeren Maße als die bisherigen, klassischen Werbeposts beeinflussen? Wir finden das Thema Corporate Influencer überaus interessant, gerade im Hinblick auf die aktuelle Entwicklung vom Handelsriesen OTTO, der mit seiner Brand Academy potentielle Arbeitnehmer und Fachkräfte aus der Digitalbranche für sich gewinnen will.

Der Hintergrund: Im Sommer 2017 kündigte OTTO ein besonderes Ausbildungsprogramm für seine Mitarbeiter an. Hierbei gibt das Unternehmen ab Oktober bis zu 100 Mitarbeitern die Chance, als Corporate Influencer den Handelskonzern als attraktiven Arbeitgeber mit all seinen Annehmlichkeiten zu präsentieren. Offiziell heißt es: „Potenziellen Bewerbern und dringend gesuchten Fachkräften sollen so Kultur und Arbeitsatmosphäre bei OTTO näher gebracht werden.“ Der Ansatz mag für Firmen sehr attraktiv erscheinen, könnte sich für kleine und mittelständische Unternehmen mit beschränkten Budgets jedoch nicht lohnen. Denn diese haben wesentlich mehr zu verlieren, wenn die Sympathieträger ihre Sache nicht perfekt machen.

Die Glaubensfrage

Und wenn es doch im Influencer Marketing heißt: „Menschen vertrauen Menschen – nicht Marken.“, dann würde beim Corporate Influencer ja genau diese Quintessenz verloren gehen oder? Schließlich könnte die Zielgruppe den Unternehmensbotschafter als extrem unauthentisch empfinden. Es gilt zu beachten, dass der Influencer in seiner Themen- und Ausdrucksvielfalt womöglich eingeschränkt wird. Schließlich sorgt der Arbeitgeber im Prinzip für seinen Lebensunterhalt und hat somit gewisse Erwartungen. Der besondere Charme vieler Meinungsmacher liegt gerade darin, dass sie auch mal Kritik an Themen/Produkten üben und somit ihre Community von ihrer Authenzität überzeugen. Es ist schließlich nicht immer alles ideal. Dies ist zwar teilweise auch bei bisherigen Kooperationspartnern bei Influencern der Fall, jedoch haben sie auch hier grundsätzlich die Entscheidungsmacht unter vielen Angeboten und sind so thematisch vielfältig kreativ. Gerade aus diesem Grund entdecken Follower durch ihre Inspiratoren oft kaum bekannte Produkte oder interessieren sich für völlig neue Themenbereiche und Organisationen.

Wir befürchten, dass die großen Freiheiten dieses Berufsbildes verloren gehen würden und viele besondere Charaktere aufgrund von Corporate Behaviour Richtlinien nicht optimal zur Entfaltung kommen könnten. Außerdem ist fragwürdig, wie so ein Community-Wachstum aussehen wird und ob die Follower sich tatsächlich mit der angestrebten Zielgruppe decken würden. Es gibt schließlich auch viele potentielle Mitarbeiter am Markt, die nicht regelmäßig auf Instagram & Co. unterwegs, aber möglicherweise dennoch sehr geeignet für bestimmte Positionen sind. Diese würden eher durch klassisches Recruiting zum Unternehmen finden, welches ggf. eine unnötige Überforderung durch das Employer Branding erfährt. Die kontinuierliche Präsenz von Marken und Unternehmen in sozialen Medien ist inzwischen zwar ein Standard, sollte aber aus unserer Sicht für Ziele wie Mitarbeitergewinnung deutlich lockerer und somit authentischer gestaltet sein. Angestellte, die tatsächlich gern für ein Unternehmen arbeiten, posten ihre Eindrücke von ganz allein und brauchen keine Aufforderungen dazu.

Es bleibt abzuwarten, ob sich derartige Brand Academies durchsetzen werden und wir sind gespannt, wie sich ihre Präsenz auf das Online- und Social Media-Marketing sowie Recruiting auswirken wird.

Apropros Mitarbeiter: Hier könnt ihr nachlesen, wie unsere erste Auszubildende Josi ihren Weg zu uns gefunden hat und was für Erwartungen sie an ihrer Lehre mitbringt – viel Spaß!