Getreu dem Motto „Wer nicht hören will, muss fühlen“ führte Mark Zuckerberg vor knapp einem Jahr mit seiner Facebook-Tochter Instagram die Story-Funktion ein, nachdem Snapchat-Entwickler Evan Spiegel seine Angebote dankend ablehnte. Aktuell zählt Instagram-Stories 250 Millionen Nutzer – Snapchat hinkt derzeit mit 150 Millionen Usern sichtlich hinterher.

Vom Rising Star zum Poor Dog

Lange Zeit galt Snapchat als die schnellwachsenste Social Media Plattform der Welt. Mit einem Wachstum von 17,2 % im zweiten Quartal 2016 schlug sie Facebook, Twitter und sogar auch Instagram aus dem Rennen und stieg auf den Thron der technischen Innovationen. Dieser Höhenflug hielt jedoch nicht lange an, denn bereits ein Quartal später etablierte Instagram die Story-Funktion, wodurch Snapchat den Wind aus den Segeln genommen wurde. Was vor einem Jahr als Warnschuss von Mark Zuckerberg in Richtung Snapchat Entwickler Evan Spiegel ging, weil dieser seine App Zuckerberg nicht verkaufen wollte, ist heute für die meisten User als Instagram-Feature kaum mehr wegzudenken. Instagrams Idee den Nutzern die Möglichkeit zu geben, alle Momente des Alltags zu teilen und nicht nur jene, die auf einem Instagram-Post gut aussehen, hat Anklang gefunden.

Eine Idee – Zwei Applikationen

Oberflächlich betrachtet unterscheiden sich beide Anwendungen kaum voneinander: Nutzer haben die Möglichkeit Content privat an Freunde zu senden oder ihn der gesamten Kontaktliste in der öffentlichen Story zugänglich zu machen. Dieser kann sowohl vorproduziert sein oder grade stattfinden und auf dem Smartphone abgespeichert werden. Während beim Direktversand an Freunde die Inhalte nur für eine bestimmte Sekundenanzahl sichtbar sind, haben jene in der öffentlichen Story eine Verfügbarkeit von 24 Stunden und können beliebig oft konsumiert werden. Der Content, ob Bild oder Video, kann mit verschiedenen Bearbeitungsmöglichkeiten modifiziert werden. Hierzu zählen Gesichtsfilter, Sticker, Emojis, Malereien und Texte. Instagram bietet zudem die Möglichkeit neben dem Verlinken von anderen Usern über das @-Zeichen, auch Hashtags und Orte zu integrieren, die dann in einer gesammelten Story angesehen werden können. Instagrams aktuellste Besonderheit ist die live-Funktion, durch welche Direktaufnahmen gemacht werden können. Snapchat bietet Usern die Gelegenheit, den Aufenthaltsort von Freunden über eine Ortungsfunktion ausfindig zu machen, sofern dieses Feature freigeschaltet wurde. Zusätzlich werden hochfrequentierte Orte auf der ganzen Welt angezeigt, deren Inhalte ebenfalls konsumiert werden können ohne, dass man mit einer Person befreundet sein muss. Voraussetzung hierfür ist, dass der Content in die Story von Snapchat und nicht in die eigene gepostet wird.

Wie Instagram Snapchat überholen konnte

  • Snapchats Alleinstellungsmerkmal, die Schnelllebigkeit von Inhalten, mit dem es so erfolgreich geworden ist, wurde immer mehr zum Verhängnis. Für eine Weile ging dieses Konzept auf und war aufgrund seiner Neuartigkeit attraktiv, bis ein Umdenken bei den Usern stattgefunden hat: Menschen möchten Momente sammeln. Mit der Selbstzerstörungsfunktion der Inhalte kann Snapchat dieses Bedürfnis nicht erfüllen. Während Snapchat die User lediglich den Moment leben lässt, können mit der Anwendung Instagram langfristige Erinnerungen gespeichert werden. Denn neben der kurzlebigen Story-Funktion bietet die Facebook-Tochter nämlich auch eine Art digitales Tagebuch, bei dem Bilder und Videos auf den persönlichen Account geladen werden können.
  • Auch die Handhabung von Snapchat erwies sich vor allem zu Anfangszeiten als unglücklich gelungen, so dass den Usern ein Leitfaden zur Verfügung gestellt werden musste, der ihnen die Funktionsweise der App erklären sollte. Als Instagram-Stories integriert wurde, war die Usability den meisten bereits bekannt. Zudem wurden die Bearbeitungsmöglichkeiten gut sichtbar in den Top Header von Instagram gelegt und eine intuitive Bedienung der Features, ohne komplizierte Klickkombination oder Bildschirm-Swipes, ermöglicht.
  • Angefangen als simple 24 Stunden Story hat sich Instagram zu einer In-App Anwendung entwickelt, die den User immer wieder mit unterhaltenden neuen Features überrascht: live-Übertragungen, Direktnachrichten, Sticker, Standortfunktion, freihändige Aufnahme oder die Boomerang-Funktion, um nur einige zu nennen. Zu jedem Update liefert Instagram ein knappgehaltenes Informationsvideo, um den Nutzern die neuen Möglichkeiten aufzuzeigen. Nicht perfekt – aber innovativer als Snapchat.
  • Als Instagram die Story etablierte, unterschied diese sich sowohl in ihrem Design, als auch in der Funktion kaum von Snapchat. Während Snapchat jedoch einiges an Features verschlafen hat und Instagram-Stories in diesem Punkt schon eine bedeutende Entwicklung hinter sich gebracht hat, konnte sich die Kopie einen großen Abstand zum Original verschaffen.

Kann Snapchat überleben?

Neben den bereits aufgezeigten User-Benefits hat Instagram auch einen enormen Schritt für das Marketing getan. Beispielsweise ist es durch das Verlinken von anderen Nutzern in der Story möglich, Influencer Bewegtbild-Kampagnen zu arrangieren, bei der das Profil des Kooperationspartners integriert wird. Durch das Klicken auf den Namen gelangen interessierte Nutzer dann direkt auf den Account des Unternehmens und können dort stöbern oder direkt in Kontakt treten. Im Gegensatz zu Snapchat kann bei Instagram nämlich sowohl ein privates, als auch ein Business Profil angelegt werden, bei dem auch jegliche Kontaktdaten angegeben werden können – Snapchat hingegen ist anonym. Weiter bietet Instagram-Stories verifizierten Accounts die Möglichkeit ausgehende Links zu integrieren, bei der man per Klick auf eine beliebige Landingpage geleitet wird.

Während Instagram sich als Snapchat-Kopie in vielen Betrachtungspunkten weiterentwickelt hat und bei seinen Updates sowohl an private Freizeit-Nutzer, als auch an die Möglichkeiten, die das Marketing daraus schöpfen kann, gedacht hat, bleibt Snapchat vorerst auf der Strecke. Der Abstand zu Instagram scheint kaum mehr aufzuholen zu sein.

Mark Zuckerberg hat es geschafft einen Raum für Privatpersonen und Unternehmen zu schaffen, in dem Unterhaltung, Inspiration, Kommunikation und Marketing auf einem neuen Level stattfinden, ohne sich gegenseitig im Weg zu stehen. Für Snapchats Zukunft sind drei Szenarien möglich:

  • Snapchat bleibt ein Nischenprodukt, welches weiterhin von der jüngeren Zielgruppe verwendet wird. Unternehmen greifen für Marketingmaßnahmen auf Instagram zurück.
  • Snapchat entwickelt sich weiter, vereinfacht das Handling und fügt weitere Features hinzu, die sich von Instagram differenzieren.
  • Snapchat ergibt sich und lässt sich von Facebook aufkaufen.

Tot ist Snapchat noch lange nicht. Allein der Fortschritt von Instagram-Stories müsste den Entwicklern zeigen, wie viel Potential hinter der Grundidee steckt. Instagram hat sich dieser Funktion angenommen und sie weiter verarbeitet – vielleicht sollte Evan Spiegel mal darüber nachdenken, sich einer Idee eines anderen Social Media Anbieters anzunehmen und diese mit Snapchat zu verbinden? Denn wie aus der Snapchat versus Instagram-Story Geschichte resultiert, wissen wir nun, dass man das Rad nicht unbedingt neu erfinden muss, um zu glänzen.